Gemälde

Gezeiten

In den Bildobjekten „Gezeiten“ zeigt die monochrome Oberfläche Strukturen, die man aus alten Ölgemälden oder von Baukeramik aus alten Häusern kennt. Dieses Krakelee entsteht für gewöhnlich nach langer Zeit, durch Trocknung oder Umwelteinflüsse. Dagmar Nettelmann Schuldt erzeugt sie durch das Auftragen unterschiedlicher Materialien auf die Leinwand, sie beschleunigt die Zeit.
Der Titel „Gezeiten“ verweist auf diesen Zeitbezug, Gezeiten sind der unendliche Kreislauf von Ebbe und Flut, von ansteigendem und ablaufendem Wasser. Dagmar Nettelmann Schuldt beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit der Zeit. In denen auf das Wesentliche reduzierten Skulpturen und Bildobjekten wird Zeit beschleunigt und gleichzeitig bis zum Stillstand verlangsamt. (Manfred Kroboth, bbk Hamburg, anlässlich der Ausstellung in der Fabrik der Künste 2014)

 

In der Galerie:
Die Serie Gezeiten 1-4, Mischtechnik auf Leinwand, 80 × 120 cm, 2013–2015

 

Zeit, lasierende Malerei auf Leinwand, Schellack, Pigmente, Tusche
Dyptichon, je 120 × 160 cm, 2015

Zeit, Detail

 

Zeit

 

Zeit, Detail

 

. . . die Zeit ist keine Linie,

sondern eine Dimension, wie die Dimension des Raumes. Lässt sich der Raum krümmen, so lässt sich auch die Zeit krümmen, und wenn man genügend Wissen besäße und sich schneller als Licht bewegen könnte, dann könnte man auch zurückreisen in der Zeit und an zwei Orten zugleich sein. Seither habe ich die Zeit als etwas angesehen, das eine Form besitzt, als etwas, das man sehen kann, wie flüssige Dias, die übereinander liegen. Man blickt nicht an der Zeit entlang zurück, sondern in sie hinein und hinunter wie durch Wasser. Manchmal kommt dieses an die Oberfläche, manchmal jenes, manchmal gar nichts. Nichts geht weg. (Margaret Atwood)

 

 

Seele; 300 × 180 cm; / 2017 / Malerei auf Leinwand: Pigmente, Öl, Schellack, Tusche

Zeit im Fluss

Malen ist wie an einem Fluss stehen, die Leinwand immer wieder in die Flut haltend. Ich halte das Bild ins Wasser, ich ziehe es heraus und lege es an den Strand. Betrachte die neu entstandene Schicht auf der Leinwand, überlege und beurteile, lege es wieder ins Wasser. Eine neue Schicht legt sich über die alte. Neue Verbindungen entstehen oder das Alte ist unsichtbar. Irgendwann lege ich es nicht mehr zurück ins Wasser, dann ist es fertig. Es besteht jetzt aus sehr vielen Schichten, die sich überlagern und das fertige Bild tragen, auch wenn sie nicht mehr zu sehen sind. 
Das Gemälde bildet das Vergehen der Zeit ab, die an der Veränderung der Oberfläche wahrnehmbar wird.

Ein Titel ist mehr als ein Name. Er kann eine Richtungsangabe sein.

Nach Heraklit unterliegt die Seele unablässigen Umwandlungsprozessen. Mehr als 120 Schichten tragen das Gemälde in der jetzigen Form. Es wirkt durchscheinend, dünnhäutig, verletzlich und bedrohlich zugleich. Die Malerei arbeitet mit Gegensätzen: wasserabweisende Schichten in Öl gemalt wechseln sich mit wasserlöslichen Schichten ab. Die entstandenen Spuren von dem Prozess des Ablagerns und Abstoßens formen die großen Weißflächen des Bildes. Ambivalenz. Die Seele nach Aristoteles hat widersprüchliche Anteile. Die Veränderungen des Bildes sind unter der Oberfläche nur zu erahnen. Weiß liegt wie ein Schleier oder eine brüchige Eisschicht über allem. Die Bedeutung des Begriffes Seele bleibt undefiniert, die Schichtungen  könnten auf wandelnde Definitionsversuche des Begriffes „Seele“ seit der Antike verweisen.

Wann ein Gemälde fertig ist.

„Seele“ deutet eine dunkle Umrandung, einen abgeschlossenen Raum, einen hortus conclusus, Schutzraum, oder Raum für Kontemplation an. Ziel und Beginn zugleich, denn das Gemälde hat eine Oberfläche, die so tut, als sei sie statisch. Aber unter der Haut treiben und drängen die Dinge weiter, Risse werden größer. Wenn man nicht hinsieht, knirschen sie manchmal.

 

 

Weiter zu Portraits